Pluspunkte für formale Genauigkeit

Schere

[Beitrag: Melanie Wagenseil] „Nimm doch nicht immer alles so genau.“ Diesen Satz höre ich in meinem Alltag inzwischen ziemlich oft. Und ich gebe es zu, ich bin schon ein bisschen anstrengend, wenn ich wieder einen Schreibfehler in einer Speisekarte finde oder mir bei einem Flyer auffällt, dass sich zwischen zwei Worten ein Leerzeichen zu viel befindet. „Ist doch nicht so schlimm“, meinen meine Freunde dann und wechseln schnell das Thema, bevor ich darauf eingehen kann, dass es sehr wohl schlimm ist. Wir schauen in unserem Alltag nicht mehr genau hin, wie soll es uns dann bei einer wissenschaftlichen Arbeit gelingen? Woher sollen wir denn wissen, dass genau sein wichtig ist, wenn unser Alltag mit all seinen Schreibfehlern und kleinen Ungenauigkeiten das Gegenteil zu vermitteln scheint?

Bei einer wissenschaftlichen Arbeit unterscheide ich zwischen zwei Arten von Sorgfalt. Einerseits geht es darum, Sachverhalte genau zu recherchieren, darzustellen und zu belegen. Und zwar wirklich sehr genau. Dies nenne ich ‚inhaltliche Akribie‘ und meine damit das, woran wahrscheinlich die meisten Studierenden denken, wenn es um höchste Genauigkeit in der wissenschaftlichen (Abschluss-) Arbeit geht. Andererseits geht es auch darum, die Arbeit möglichst einheitlich zu gestalten. Dies bezeichne ich als ‚formale Akribie‘, da es hier nicht um den Inhalt, sondern die äußere Form geht. Dieser Teil der Akribie wird in vielen Arbeiten stark vernachlässigt und steht oft im Schatten der inhaltlichen Akribie. Das folgende Beispiel soll zeigen, dass formale Genauigkeit trotzdem nicht weniger wichtig ist.

Einmal angenommen, ihr habt wirklich viel Zeit in die Recherche gesteckt, Stunde um Stunde darüber gegrübelt, wie ihr euren Text nun so exakt wie möglich formuliert und für jede Behauptung eine seriöse Quelle angegeben. Darauf seid ihr so stolz, dass ihr nicht auf die äußere Form des Textes achtet. Kleine Tippfehler verunstalten das Textbild, die Zeilenabstände sind nicht überall gleich, bei der Quellenangabe steht mal ein Komma, mal ein Semikolon zwischen dem Namen des Autors und dem Veröffentlichungsjahr und irgendwo im Kapitel ändert sich die Schriftart. Alles nichts, was direkt als falsch zu bewerten wäre. Und es merkt doch niemand. Oder doch? Euer Betreuer liest sich eure Arbeit sehr genau durch und wird über diese Feinheiten stolpern. Euer Text passt nämlich inhaltlich (sehr genau) und formal (ungenau) nicht mehr zusammen und vermittelt ein widersprüchliches Bild über euer wissenschaftliches Arbeiten. Und es wäre doch wirklich schade, wenn euer Betreuer die formale Ungenauigkeit auf eure gesamte Arbeit bezieht und euch deswegen eine schlechtere Note gibt.

Nehmt euch daher in der Korrekturphase ausreichend Zeit für die formale Korrektur. Ist überall die Schriftgröße und der Zeilenabstand gleich? Ist irgendwo ein Leerzeichen zu viel? Ist die Quellenangabe immer gleich aufgebaut, auch was Satzzeichen betrifft? Das bedeutet natürlich, dass ihr eure Arbeit mehrfach durchlesen müsst. Da man im eigenen Text oft über Fehler hinweg liest, gebt eure Arbeit auch Kommilitonen und/oder Freunden zu lesen. Diese müssen sich in eurem Fachbereich nicht unbedingt auskennen. Je weniger sie den Inhalt verstehen, umso mehr achten sie auf formale Unstimmigkeiten. Dieser Arbeitsschritt kostet euch zwar viel Zeit und Nerven, er zahlt sich aber in jedem Fall aus!

Übrigens: So wenig meine Freunde meine Akribie im Alltag leiden können, so sehr freuen sie sich darüber, wenn ich die kleinen Ungenauigkeiten in ihren Hausarbeiten finde, die sie übersehen haben.

Pluspunkte für formale Genauigkeit

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