Meine Rolle als Tutor

Tutor

[Beitrag: Jonas Gangwisch] Gerade habe ich erst mal nachgeschaut, was Tutor eigentlich heißt. Der Begriff kommt aus dem Lateinischen: Im Duden steht, dass ich gemäß des Wortstamms ein Beschützer und gemäß des römischen Rechts ein Erzieher und Vormund bin. Hätte ich das vor eineinhalb Jahren zum Zeitpunkt meiner Bewerbung am Schreiblabor schon gewusst, hätte ich ein tolles Motivationsschreiben abgeben können. Das Ganze wäre wahrscheinlich zu einem Essay mutiert, so wunderbar bedeutsam sind diese drei Rollen.

Ich denke mir, einer Gruppe von Menschen etwas beibringen, das kann ich und das macht mir Spaß. Schließlich habe ich ja Praktika in der schulischen Lehre hinter mir. Aber: Beschütze und erziehe ich die Student/innen, bin ich ihnen ein Vormund? Ein Vormund ist für mich eine Person, die die Fürsorge für eine oder mehrere unmündige Personen übernimmt. Allerdings halte ich die Student/innen, die in unsere Tutorien kommen, nicht nur im rechtlichen Sinne für ziemlich mündig. Dennoch ist Fürsorge für meine Rolle als Tutor eine erstrebenswerte Eigenschaft. Ich würde mir als Student selbst Tutor/innen wünschen, die sich um mich sorgen. Nicht mit Essen und Obdach, sondern eher als schlichtende, filternde und verstärkende Schnittstelle zwischen Lehrenden und Lernenden, wie eine Membran in beide Richtungen. Eigentlich ist das ein ganz schönes Bild, auch für die aus dem Lateinischen vorgegebene Beschützer-Rolle. Tatsächlich versuche ich, als Tutor fürsorglich zu sein und diese Schnittstelle einzunehmen. Ich denke, dabei ist der Perspektivenwechsel zwischen Dozierenden und Studierenden entscheidend.

Ich gebe zu, es gibt Momente, in denen mir dieser Perspektivenwechsel sehr schwer fällt. Besonders dann, wenn ich mit motivationslosen Student/innen zu tun habe. Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch auf seine Art und Weise intelligent ist. Nachweisen kann ich das nicht, aber zumindest im Fall ‚meiner‘ Student/innen kann ich das durch Beobachten der mündlichen Mitarbeit bisher immer bestätigen. Umso schwerer ist es für mich, mit schlechten Textabgaben umzugehen, denn ich schlussfolgere daraus automatisch eine Lustlosigkeit der Student/innen. Als ‚Dozent‘ ist das ziemlich hart für mich. Ich kann nicht verstehen, wie man so sehr bemüht sein kann, so wenig wie möglich zu tun. Ich sehe, wie der Lerneffekt dadurch verringert wird und gerade als angehender Pädagoge mindert das wiederum meine eigene Motivation.

Das Problem ist für mich: Ich muss motiviert sein, um den Student/innen eine anständige Korrektur mit umsetzbarem Feedback zu geben. Um diese Motivationsprobleme zu beheben, brauche ich einen Perspektivenwechsel:  Ich selbst habe mich als Student immer für ziemlich clever gehalten, gerade so viel zu tun, wie es sein muss, um mein angestrebtes Ziel zu erreichen. Effizienz im Studium, so nenne ich das. Durch das Verständnis für motivationslose Student/innen lässt sich so manche Abgabe unter einer anderen Ausgangslage korrigieren. Dies kommt letztendlich nicht nur den Student/innen, sondern auch der Lehre zugute. Ich darf also mit meinen Kommiliton/innen nicht zu kritisch umgehen, weil ich eine gewisse Fürsorge für sie habe. Ich denke, ich beherrsche diesen Perspektivenwechsel noch nicht in Perfektion und möchte diesbezüglich an mir arbeiten. Dabei kann eine Fähigkeit helfen, die ich mir als Student von meinen Tutor/innen (und eigentlich jedem Menschen) wünschen würde: Selbstreflexion. Immer wieder über sein Verhalten nachdenken, offen für Beobachtungen, Kritik und Ratschläge sein. Hier erkenne ich einen Zusammenhang zur dritten Definition des Tutors: Den Erzieher.

Allerdings sehe ich mich nicht als Erzieher und möchte diese Rolle auch nicht annehmen. Durch Perspektivenwechsel und Selbstreflexion versuche ich, aus der Perspektive des Dozenten ein Verständnis für die Student/innen zu entwickeln und unterdrücke damit den Impuls, diese zu erziehen. Ich sehe mich nicht in der Position und habe nicht die Berechtigung, dies bei Student/innen zu tun. Ich behaupte dadurch nicht, dass sich die Student/innen nicht mehr entwickeln sollten. Ich denke nur, dass sie für diese Entwicklung selbst handlungsfähig und verantwortlich sind, denn das denke ich auch von mir als Student.

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